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Oliver Krähenbühl Palimpsestische Bilder
Bildraum im Schwebezustand, ©Gabriele Lutz, Zürich Januar 2001

Der Winterthurer Künstler Oliver Krähenbühl (geboren 1963) entwickelte in den frühen 90er Jahren seine eigenständige Bildsprache: Mit transparent aufgetragene, sich überlagernden Farben liess er vielschichtige Räume in zumeist kühler Helligkeit entstehen. Fleck und Raster wurden zu seinen bildnerischen Konstanten. Vom eigenen Daumenabdruck ausgehend hat er Flecken so gestaltet, dass sie wie Kugeln oder Köpfe und in einer optischen Umkehrung wie Gefässe erscheinen. Dieses Vokabular hat er einerseits zu traumhaft- surrealen Landschaften und anderseits zu rätselhaft- poetischen "Kopfblütengefässen" gefügt. (Abb. 3) 1

Räumliche Vielschichtigkeit prägt Krähenbühls Schaffen nach wie vor. Dabei erweisen sich die jüngst entstandenen Bilder als äusserst komplex in ihrer bildnerischen Struktur. Diese basiert, wie beispielsweise in "Zimmer mit Aussicht" (Abb. 15), auf raffinierten Überlagerungen, auf Staffelungen und Additionen von so unterschiedlichen Elementen wie drei grossen sich gleichsam plastisch hervorwölbenden Kugeln, auf einem flächenhaften- linearen Ornamentgewebe sowie einer in expressivem Duktus ausgeführten Malerei, die sich über die gesamte Bildfläche ausdehnt. Das im Bildtitel angesprochene rosarote Fensterkreuz vermit-telt zwischen den beiden Bildhälften und definiert den Bildraum.
Doch die Gliederung in ein räumliches "dvor2 und 2dahinter" ist nur vermeintlich, zu sehr sind die einzelnen Elemente ineinanderverwoben: Ihre Position im Raum sind labil. So kann die mittlere Kugel sowohl vor dem Fensterkreuz als auch dahinter platziert werden. Es sind die Betrachtenden, die für einen flüchtigen Moment die Konstellationen festlegen.

Diese räumliche Komplexität erreicht der Künstler mit einer Technik, die wechselweise Farbauftrag und -abtrag bedingt. Durch abwischen oder partielles entfernen von schichten wird Darrunterliegendes freigelegt. In der Technik eines Abklatsches wird auf Papier oder Karton applizierte Farbe als Monotypie auf den Bildträger gedruckt. Durch die Verwendung von Schablonen treibt Krähenbühl das räumliche Vexierspiel noch weiter.

Anders als bei seinen früheren Landschaften kann bei dieser aktuellen Werkgruppe nicht mehr von einer hierarchisch gegliederten Komposition gesprochen werden. Auch die Unterscheidung von Figur und Grund erweist sich als obsolet. Seit August 1998 titelt Krähenbühl seine Bilder, die er dieser bildnerischen Strategie unterzieht, konsequent als Palimpsestische Bilder, dies in Anlehnung an die antiken und mittelalterlichen Schriftstücke, bei denen man ursprüngliche Texte tilgt, um den Schriftträger nochmals verwenden zu können.
In Abweichung zu dieser arbeiten ist kürzlich das ausschliesslich in malerischem Duktus gehaltene Bild Garten (Abb.7) entstanden, das an die Gruppe der frühen Landschaften anknüpft. Hier zeigt sich, dass Krähenbühl den Dialog mit der Malerei von Per Kirkeby nicht abgebrochen hat. Ansonsten ist das Thema Landschaft, beziehungsweise Assoziationen daran, bei den jüngst entstandeneren Bildern weitgehend zurückgenommen. Auch die Wahl des Hochformates markiert Distanz zum traditionellen Motiv. Mit seiner neuen künstlerischen Praxis - sie könnte als malerische Adaption einer Collage bezeichnet werden, die Disparates zusammenfügt - hat Krähenbühl seine (Landschafts-) Räume in abstrakte Raumgefüge überführt. Dabei lässt sich feststellen, dass ihm sowohl die Auseinandersetzung mit dem Ornament wie auch mit stilisierten pflanzlichen Motiven, die man von Tapeten kennt, den Weg gewiesen hat. "Katharine's Room"(Abb.16).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte die Auseinandersetzung mit der Ornamentik für verschiedenen Künstler zu einer neuen bildkünstlerischen Auffassung. Henri Matisse verdankte abstrakten islamischen Dekormotiven entscheidende Impulse. Auch in der zeitgenössischen Kunst ist eine vermehrte Beschäftigung mit der Ornamentik festzustellen. Für den amerikanischen Künstler Philip Taaffe bedeutet diese Auseinandersetzung Fortführung der abstrakten Malerei. Was mit Blick auf
das Schaffen von Philip Taaffe festgestellt worden ist, könnte durchaus für Oliver Krähenbühls (jüngste) Malerei gelten: " anstatt die Geschichte der Abstraktion in den 50er Jahren im Kontext der Reduktion, also einer Beraubung, einer Rückführung auf das Wesentliche zu interpretieren, verwandelt er die "Abstraktion" in einen Vorgang der Addition, Konstruktion, der zunehmenden Ausschmückung, der Beschichtung und Fragmentierung."2

©Gabriele Lutz, Zürich Januar 2001

1 siehe dazu: Tina Grütter, Das Schöne - neu ausgeleuchtet, in: Oliver Krähenbühl, Katalog zur Ausstellung im Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, 1999.

2 zitiert nach: Jeff Perrone, in Parkett No. 26, 1990
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